Spitzentanz

Gedanken von Mag. Elisabeth Loinig zur Ausstellung Spitzentanz von Monika Siller

Als begeisterte Strickerin, die auch selbst Spitzen strickt, habe ich natürlich gerne die Aufgabe übernommen, Ihnen etwas über das Spitzenstricken zu erzählen. Spitzenstricken ist mittlerweile von den USA und England ausgehend fast zu einer Bewegung geworden ist – es gibt eigene internet communities, wo man sich trifft und Muster austauscht.

Da ich ja nicht nur Strickerin sondern hauptberuflich eigentlich Historikerin bin, wollte ich dem Phänomen „Spitzenstricken“ natürlich auf den Grund gehen. Und als Altphilologin versuche ich, den Wörtern auf ihren lateinischen Grund zu gehen. Beim Wort Spitze hatte ich kein Glück, das ist ein rein deutsches Wort. Grimms Wörterbuch, in dem man bekanntlich jedes deutsche Wort findet, erklärt:

Spitze ist das oberste an einem jeglichen ding

Betrachtet man Monikas hier ausgestellte Spitzen, so kann man dem nur vorbehaltlos zustimmen – ihre gestrickte Spitzen sind sicherlich das oberste in der Strickkunst! Mehr Glück hatte ich beim englischen Wort für Spitze, nämlich lace, das sich vom  lateinischen Wort laqueus ableitet, das bedeutet Schlinge oder Fallstrick – auch das sehr treffend, denn aus Schlingen auf den Nadeln werden Spitzen gestrickt und Fallstricke halten die komplizierten Muster für die Strickerin durchaus bereit.

Nach diesem etymologischen Ausflug möchte ich Sie nun in die Vergangenheit entführen. Spitzen als solche wurden erstmals in Italien im 15. Jht erzeugt. Es waren sogenannte Nadelspitzen, die mit Nähnadel und Faden in aufwendigster Handarbeit hergestellt wurden.  Lange Zeit waren sie fast unerschwinglich und nur den Reichen vorbehalten. Man suchte daher nach Techniken, um Spitzen schneller und damit kostengünstiger produzieren zu können. Um 1700 wurden z.B. die Klöppelspitzen, später die halbmaschinell herstellbaren Tüllspitzen und um 1800 Häkelspitzen erfunden. Vor ca. 250 Jahren begann man mit dem Stricken von Spitzen – genauer gesagt von Spitzenschals.

Am Beginn des Spitzenstrickens steht eine Ziege – nicht irgendeine Ziege, sondern die Orenburg Ziege. Orenburg liegt in Russland am südlichen Ende des Urals, 3000 km östlich von Wien und 1000 km südlich von Moskau. In den harten Wintern wächst den Orenburg Ziegen ein besonders wärmendes und dichtes Fell. Die flaumigen, weichen Unterhaare werden im Frühjahr ausgekämmt, die beste Qualität kommt dabei vom Hals der Tiere.  Für den Eigenbedarf fertigte man schon länger gröber Tücher und alltagstaugliche Kleidungsstücke aus dieser Wolle, die angeblich besser wärmen als Felle.  Um 1750 kamen in Europa indische Kaschmirtücher in Mode, die von eleganten Damen als wärmender Aufputz für ihre tief ausgeschnittenen Kleider getragen wurden. Bereits um 1770 setzte man diese Mode in Orenburg um und begann, aus den feinsten Wollqualitäten zarte Schals und Tücher mit kunstvollen Mustern in Heimarbeit zu stricken. Diese Schals waren ursprünglich nur für den Verkauf bestimmt und bildeten eine wichtige Einnahmequelle für die Frauen! Ihre Form ist meist quadratisch, mit ca. 180 cm Kantenlänge; am kostbarsten sind die sogenannten Ring-Schals, die so fein und leicht sind, dass man sie durch einen Fingerring ziehen kann. 

Orenburg Schals werden noch heute gestrickt und sind das Markenzeichen der Region – in Russland sind sie fast genauso bekannt wie die hölzernen Matroschka-Puppen.

Erst mehr als 50 Jahre später, um 1830, begannen Frauen auf  den englischen Shetland-Inseln mit dem Stricken von Spitzen  und Spitzenschals.  Die weit im Norden vor der Küste Englands gelegenen Inseln bieten nur wenige Verdienstmöglichkeiten, doch die heimischen Schafte lieferten und liefern Wolle von hervorragender Qualität, die sich zu äußerst feiner Garnen verspinnen lässt. Die Frauen strickten daraus schon lange Strümpfe und Socken für den Export. Als dieses Geschäft infolge der Einführung von Strickmaschinen stagnierte, suchten sie einen Ersatz. Auch sie begannen mit dem Stricken von feinen Spitzenschals und erschlossen so ihren Familien eine neue Einkommensquelle.  Ob ein Zusammenhang mit Orenburg besteht, konnte ich nicht herausfinden, jedenfalls nannte man auch auf Shetland die feinsten Schals Wedding Ring Shawls. Sie  wurden als Brautschal getragen und konnten durch den Ring der Braut gezogen werden.

Die Frauen aus Shetland strickten ohne Vorlagen - sie entwickeln ihre eigenen, inseltypischen Muster, die sie von Generation zu Generation weitergaben. In England war der Shetland Shawl  bald sehr populär, vor allem weil Queen Victoria, die selbst strickte, eine Vorliebe für diese Kunstwerke hatte.

Fast 100 Jahre lang waren Schals, aber auch Spitzenkrägen, Taufkleidchen und Babydecken aus Shetland sehr gefragt. Nach dem ersten Weltkrieg gerieten sie ein wenig in Vergessenheit, denn die Mode wurde – entsprechend der neuen Berufstätigkeit der Frau – nüchterner und sachlicher. Inzwischen hatten aber englische Auswanderer die Shetland-Spitzen nach Amerika gebracht - und von dort ausgehend hat das Spitzenstricken inzwischen weltweit Anhängerinnen und – man höre und staune - Anhänger gefunden. Es gibt inzwischen sogar eine internet-community für strickende Männer (http://www.menwhoknit.com), wo auch das Spitzenstricken eifrig betrieben wird!

Dass das kein Gegensatz ist, zeigt die letzte Station meines historischen Ausflugs, der uns nach Deutschland führt. Dort lebte von 1903 bis 1966 Herbert Niebling, dem wir Strickerinnen (und Stricker) zu unendlichem Dank verpflichtet sind.Niebling war ausgebildeter Textilfachmann und begeisterte sich schon früh für das Stricken von Spitzen. Bald entwarf er eigene Designs, die im Otto Beyer Verlag erschienen und in den 1960er bis 1980er Jahren durch die bekannten Burda-Kunststrickhefte weite Verbreitung fanden. Da im deutschen Raum das Stricken von Schals keine Tradition hat, entwarf er vor allem Zierdecken in jeder nur denkbaren Größe mit unnachahmlich formenreichen und anspruchsvollen Mustern. Heute werden seine Vorlagen wieder nachgedruckt und begeistern Strickerinnen auf der ganzen Welt. Als Kind fand ich diese Decken kitschig und verstehe und schätze erst jetzt deren ganze Kunstfertigkeit.  Unser Dank gebührt ihm aber nicht in erster Linie dafür, dass er mit seinen Entwürfen Designerinnen bis heute inspiriert.Wirklich bahnbrechend war die Einführung von Strickschriften, in die er seine Entwürfe umsetzte. So war es anderen Strickerinnen überhaupt erst möglich, seine komplizierten Muster nachzustricken! Für uns im deutschen Sprachraum ist es unvorstellbar, Muster ohne Strickschriften zu stricken – doch im England und Amerika wurden bis vor kurzem auch komplizierte Muster wörtlich ausgeschrieben – äußerst unübersichtlich und umständlich.

Damit bin ich am Ende meiner historischen Rundreise und komme last but not least zu Monikas Spitzenträumen.

Denn die Entstehung eines solchen Schals ist etwas ganz Besonderes – es beginnt mit dem Wunsch, ein neues Muster auszuprobieren, das schön und herausfordernd zugleich sein soll. Entscheidend ist auch die Auswahl der Wolle - die ist bei Monika immer etwas besonderes – sie verwendet nur hochwertige und weiche Qualitäten, wie Merino, Kamelhaar, Kaschmir oder Seide, die sie oft noch mit Perlen veredelt. Nach dem Stricken – ich überspringe hier die unzähligen Arbeitsstunden des - werden die Tücher gewaschen und mit oft hunderten Stecknadeln sorgfältig gespannt. Das ist ein sehr wichtiger Vorgang, denn erst dann präsentieren sich die Muster in ihrer vollen Schönheit. Heute müssen wir nicht mehr stricken, um unsere Familien zu erhalten, wir stricken aus Freude am Stricken und als Ausdruck unserer Kreativität – und wir sind Trägerinnen einer langen Tradition, in einer Zeit, wo Hand-Arbeit überall von Maschinen verdrängt wird.  Wenn ich Monikas Werke betrachte, dann freue ich mich ganz besonders – denn ich darf mir zugutehalten, dass ich es war, die sie vor zwei Jahren zum Spitzenstricken verführt hat, zu einer Kunst, in der sie mich inzwischen weit überflügelt hat.

Ich wünsche Ihnen allen viel Freude beim Schauen und Staunen.

Mag. Elisabeth Loinig

 

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